E-Insights

06.11.2019

Ich trau' mich nicht!

Wer sind eigentlich diese “Early Adopter”, was zeichnet sie aus und wieso sind so viele von uns neuen Dingen gegenüber skeptisch eingestellt? Und was bedeutet dies mit Blick auf E-Autos?

Manche unter uns erinnern sich bestimmt noch: In den ersten Jahren nach der sagenumwobenen Vorstellung des iPhones von Steve Jobs campierten Menschen in Innenstädten weltweit, um unbedingt ihr neues Lieblings-Smartphone in den Händen zu halten – immerhin bei Preisen von 500 bis 800 Euro. Heute scheinen diese Tage zumindest für dieses Gerät vorbei zu sein. Es gibt sie aber immer noch, Early Adopter (etwas umständlich übersetzt: frühzeitiger Anwender), also Leute, die oft als erstes auf heiße Trends anspringen. Aus der Physik wissen wir, dass Masse träge ist, und so verhält es sich auch bei Innovationen. Nicht jeder ist gleich von Anfang an dabei, und das ist auch völlig ok. Aber warum ist das so, und wann kommt der Punkt, an dem neue Produkte sich auch am Massenmarkt durchsetzen? So wie die Smartphones, die nach weniger als zehn Jahren mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Realität sind.

Für einen flüchtigen Moment schien dieses Apple-Phänomen der Early Adopter sogar in der E-Auto-Szene angekommen. Als Elon Musk nach den Premium-Modellen Tesla S und X den Mittelklassestromer Model 3 im Jahr 2016 ankündigte, überwiesen in wenigen Tagen über 300’000 Menschen rund um den Globus 1000 Dollar als Anzahlung, um sich das Modell – ungesehen (!) und Jahre später – zu sichern. Gewohnt bescheiden und ohne ein einziges Fahrzeug produziert zu haben, twitterte der Tesla-CEO bereits nach 24 Stunden die virtuelle Kapitaleinnahme von ca. 7,5 Mrd. Dollar. Chapeau!

Einen vergleichbaren Moment hat es auf dem Gebiet der E-Mobilität in Deutschland nicht gegeben. Die Vorstellung des VW ID.3 und Porsche Taycan sorgten zwar für ein reges Medienecho, aber noch wurden keine Camper gesichtet. Und es kann durchaus Vorteile haben, nicht immer Early Adopter zu sein. Menschen mit BetaMax oder MiniDisk Erfahrung können ein Lied über Technologien singen, die sich nicht durchsetzen sollten. Computerspieler kennen das Dilemma: Soll ich mir jetzt schon den PC kaufen, oder lieber warten, bis die neueste Prozessorgeneration und Grafikchips herauskommen? Natürlich sind die Entwicklungszyklen und Preise von E-Autos in einer ganz anderen Kategorie als Computerhardware, aber die grundsätzliche Sorge ist ähnlich. Man kann seiner Zeit auch voraus sein, um dann kurz darauf von ihr überholt zu werden.

Welche Technologie bleibt auch in den nächsten Jahren noch aktuell und mit meinen Anforderungen kompatibel? Ist es jetzt an der Zeit, um auf ein Elektroauto umzusteigen, oder soll ich mich sicherheitshalber für einen Verbrenner entscheiden?

Damit findet der Fragenkatalog allerdings noch lange kein Ende. Es folgt eine Auswahl an Fragen ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die Early Adopter schon früher, Late Adopter etwas später für sich beantworten könnten:

  • Habe ich als Verbrennerfahrer auf das falsche Pferd gesetzt?
  • Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben?
  • Woher weiß ich, dass die Infrastruktur rechtzeitig ausgebaut wird?
  • Wer sagt mir, dass ich so ein E-Auto über viele Jahre fahren kann?

Als Menschen besitzen wir ja bekanntermaßen viel Talent, unsere Entscheidungsfindung jenseits von rationaler Abwägung selbst zu manipulieren, unter anderem mittels:

  • selektiver Wahrnehmung
    Händeringend wird noch jeder Bericht, der E-Mobilität als schlecht für die Umwelt deklariert, aufgesogen, goutiert und als Bestätigung herangezogen.
  • Verdrängung
    "Mein CO2-Anteil als Verbrennerfahrer für die Umwelt ist doch verschwindend gering, da macht es nun wirklich keinen Unterschied.“

Erfreulicherweise steht aber eine Erkenntnis unumstößlich als einmalige Chance fest:

Im Bereich der E-Mobilität sind wir alle gewissermaßen noch Early Adopter.

Seit September 2019 haben wir 2,5% E-Fahrzeug-Anteil an Neuwagen in Deutschland. Die Early Adopter fangen also jetzt erst an zu kaufen. Wer sich davor für ein E-Auto entschieden hat, gehört zu der Gruppe der frühen Innovatoren. Denn erst bei 10 bis 13% Anteil fängt so langsam der Mainstream an. Die Innovatoren haben die Vorteile der E-Mobilität sehr früh erfasst und für sich mit den heutigen Möglichkeiten umgesetzt. Klimaneutral, kosten- und energieeffizient, weitestgehend unabhängig von Tankstellen und jede Menge Fahrspaß.

Derzeit noch bestehende negative Punkte wurden von dieser Gruppe bewusst akzeptiert, in der Zuversicht, dass sie mit jedem Jahr weniger gravierend würden. Und dieser Optimismus sollte sich bestätigen. Bei Akkugröße, Ladegeschwindigkeit und Infrastruktur bewegen sich die Entwicklungssprünge mit hoher Geschwindigkeit.

Hinzu kommt ein nicht zu unterschätzender Faktor: Der Gebrauchtwagenmarkt.

In Deutschland werden ca. 300’000 Fahrzeuge Monat für Monat neu zugelassen. Aber der Löwenanteil an Fahrzeugen liegt in den 600’000 Besitzumschreibungen, von denen die Hälfte sogar neun Jahre oder älter sind.

Bei einem aktuellen Bestand von etwas über 100’000 Elektroautos wird es noch dauern, bis sich auch im Gebrauchtmarkt eine signifikante Änderung hin zur Elektromobilität ergibt. Erst dann werden sich auch bislang Unentschlossene trauen umzusteigen. Wobei das Wort trauen mehr Mut voraussetzt, als tatsächlich erforderlich ist. Letztendlich wird die Entscheidung für ein Elektroauto so ökonomisch/ökologisch rational sein – das Design und der Fahrspaß emotional – wie in der Vergangenheit bei Verbrennern. Bis zum Erfolg des Smartphones als Massenphänomen hat es ein paar Jahre gedauert, seien wir also nicht zu ungeduldig bei der E-Mobilität. Den Kipppunkt (Tipping Point) in Richtung Mainstream werden wir innerhalb der nächsten 5 Jahre erreichen. Vielleicht sogar schon in 3 Jahren. Es bleibt spannend!

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